Über das Sammeln von Bildern

26. Dezember 2016

Über das Sammeln von Bildern

Jeder Mensch sammelt Bilder, im Kopf und in Erinnerungen, auf der Festplatte, dem virtuellen Account und dem Platz an der Wand.

Die Digitalisierung hat eine Bilderflut gebracht, mit Milliarden öffentlich zugänglichen Bildern. Seit Jahren geht die Zahl der ins Internet hoch geladenen Fotos steil nach oben. Das gefällt nicht jedem*r, manche sind durch die Bilderflut erschöpft.

Da es früher einfach weniger Bilder gab, wurden sie anders rezipiert als heute. Allein das Erstellen eines Bildes war einer besonderen Gelegenheit vorbehalten oder es wurden besondere Ansprüche daran gestellt, z.B. das Foto der Familienfeier, die Abbildung der "objektiven Wahrheit" in der Tageszeitung, das künstlerische Bild eines seelischen Zustandes, die Übermittlung der "richtigen"Ästhetik.

Während Bilder früher eher betrachtet wurden, sind sie heute im Internet Mittel der Kommunikation. Sie sind befreit von Ansprüchen, Erhabenheit und tiefsinniger Bedeutung. Zwar haben Künstler*innen durch Zufalls- und anderen Techniken auch früher versucht, das Bild zu "befreien", aber erst mit der technischen Entwicklung und der Massenverfügbarkeit von Smartphones und Digitalkameras hat sich allein durch die schiere Anzahl von Bildern ihr Nimbus verändert. Das Einzelbild wird zu einem Teil eines Bilderflusses. Die Wahrnehmung muss sich den neuen Zeiten anpassen.

Zwar werden auch heute in Redaktionen und Kunsthallen Ansprüche an Bilder gestellt - durchaus auch höher als früher, um sich von der zunehmenden Masse an Bildern abzuheben - aber im Internet dominiert das Gesetz von Berechnung, Messung und Anzahl. Es gibt mehr Stockfotos als Kunstwerke, mehr Privatfotos als redaktionelle Fotos. Die Masse ist gewichtiger und hat Recht.

Jedes Bild im Netz ist gekoppelt an einen genauen Punkt in der Zeitleiste, mit sekundengenauen Aufnahme- und Hochladedatum. Dieser exakte Zeitpunkt ist schon in der nächsten Sekunde verfallen, und das Bild reiht sich ein in den allgemeinen Fluss. Denn die Zeit kann im Internet nicht angehalten werden. Vor dem Overload gibt es ein Vergnügen am Bilderfluss, der Diversität der Motive und der Leichtigkeit, mit dem sie auftauchen und wieder im Strudel verschwinden.

Im Gegensatz dazu ist ein Ölbild starr, unbeweglich, mehrdeutig. Malerei hält zwar auch nicht ewig, aber bedeutend länger als das flüchtige virtuelle Einzelbild. Malerei bedeutet das Ausdehnen von Zeit.

Malerei ist durch ihre Materialität und Körperlichkeit eine Erweiterung des Ichs. Ein Ölbild oder eine Fotografie an der Wand ist ein eigenständiges Objekt. Diese Objekthaftigkeit reflektiert den Menschen, der*die sich diesem Raum zuordnet.

"Zeit" ist für das Ich eine sehr subjektive Sache. Ein Bild muss heute nicht notgedrungen eine Materialität aufweisen, aber die Überführung in eine Materialität bedeutet, die Kontrolle über die Subjektivität von Zeit zurückzugewinnen.

Ob virtuell oder objekthaft, haben Bilder die Angewohnheit, von der Existenz einer "Wahrheit" Zeugnis zu geben. Sie sind eine Schicht, die sich über die Realität legt und sie abbildet, erklärt, deutet, und definiert.

Alle sammeln Bilder. Es gibt das persönliche Archiv auf der Festplatte als Rückversicherung der eigenen erlebten Existenz. Es gibt das geschmückte Haus mit Bildern als Objekten, die eine eigene Wesenhaftigkeit besitzen. Es gibt die Sammlung innerer Bilder und Erinnerungen, die wie der menschliche Geist flexibel, anpassbar und wechselhaft sind, aber nichtsdestotrotz den Menschen mit einer Gewissheit und Verlässlichkeit über die eigene Identität ausstatten.

Sammeln reißt Bilder gleich welcher Art aus dem Strom der Zeit. Letztendlich ist es genau dieses Stück Zeitlosigkeit selbst, das gesammelt wird. Das ein subjektives Zeitempfinden über einen chronologischen Verlauf setzt, und damit das Wesen dieser Zeit definiert.